Wandel der Marktstrukturen hin zur Plattformökonomie

Plattformökonomie – altbekannt und aktuell wie nie

von am Mittwoch, 30 Mai 2018
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54 Prozent der Vorstände und Geschäftsführer von Unternehmen mit mehr als 20 Beschäftigten haben laut IT-Branchenverband Bitkom von digitalen Plattformen oder von „Plattformökonomie“ noch nie etwas gehört. Dabei sind Plattformen das zentrale Geschäftsmodell der digitalen Ökonomie. Und nichts Neues.

Trotz der breiten Berichterstattung gibt es einen Aspekt, der bei der Betrachtung der digitalen Transformation bislang zu kurz kommt: Der durch die Digitalisierung angestoßene Wandel der Marktstrukturen hin zu einer Plattformökonomie.

Plattformen sind eine weitere Evolutionsstufe der „Internetportale“, weswegen die Begriffe im alltäglichen Sprachgebrauch auch nicht trennscharf verwendet werden. Sie sind kein vollkommen neues Phänomen, haben sich aber durch den IT-getriebenen technischen Wandel ausgebreitet. Sie bringen mindestens zwei unterschiedliche, aber doch voneinander abhängige Nutzergruppen, beispielsweise Käufer und Verkäufer von Produkten, zusammen. Die Plattformen generieren für diese Gruppen in ihrer Rolle als Vermittler einen zusätzlichen Nutzen, da ohne das Vorhandensein der Plattform ein Geschäft vielleicht gar nicht, vielleicht auch nur mit einem anderen Partner zu Stande gekommen wäre. Der Nutzen kann dabei unterschiedlicher Art sein. Während der User einer Suchmaschine von hoher Treffergenauigkeit der Ergebnisse profitiert, profitieren werbende Unternehmen von ihren thematisch passend platzierten Werbebotschaften.

Beide Seiten müssen präsent sein

Grundsätzlich kann man drei Gruppen unterscheiden, die auf Plattformen aufeinandertreffen: Unternehmen (Business: B), Konsumenten (Consumers: C) und der Staat bzw. die Verwaltung (Government: G). Dementsprechend gibt es Portale, die dem besseren Austausch von Unternehmen untereinander dienen (Business-to-business: B2B), dem Austausch von Unternehmen mit ihren Kunden (B2C) oder auch dem besseren Austausch mit der Verwaltung (B2G bzw. C2G). Während der Bereich „B2C“ bereits zahlreiche erfolgreiche Unternehmen hervorgebracht hat, zu nennen wären beispielsweise Amazon, Booking.com oder Facebook, hat eine ähnliche Entwicklung für die Bereiche „B2B“ bzw. „B2G“ oder „C2G“ gerade erst eingesetzt.

Einen Wert hat die Plattform für eine Gruppe nur, wenn auch die jeweilige „Gegenseite“ in ausreichend großer Zahl vorhanden ist. Nur so kommen Angebot und Nachfrage effektiv zusammen. Um das zu erreichen, verlangen Plattformen oft nur von einer Nutzergruppe Geld, die andere erhält die Produkte oder Dienste (weitgehend) kostenlos. In dieser einfachen Definition sind auch Zeitungen Plattformen, da sie Werbebranche und Leser (als Konsumenten von Werbung und potenzielle Kunden) zusammenbringen. Auch Kreditkartenanbieter bringen als Plattformen Händler und Kartenbesitzer, also Kunden, zusammen. Insofern sind Plattformen zunächst also nur eine neuere Form von Märkten, auf denen sich Anbieter und Konsumenten von Produkten und Dienstleistungen begegnen.

Profit oder kein Profit?

Für die Digitalisierung hat sich das Geschäftsmodell der Plattformen geradezu aufgedrängt. Ein Grund hierfür ist, dass das grenzenlose Internet eine beliebig große Zahl von Personen, also potenziellen Nachfragern, zusammenbringen kann und so für die Plattform als Anbieter sehr attraktiv wird. Facebook und Google bieten etwa, wenn auch auf unterschiedliche Art, für werbende Unternehmen eine attraktive Zahl von Konsumenten für ihre maßgeschneiderte Werbung an, während diese Konsumenten die angebotenen digitalen Dienste oft gratis nutzen können. Airbnb bietet Vermietern an, Wohnungen einer großen Anzahl von Urlaubern zur Verfügung zu stellen und unterstützt bei der Anbahnung des Geschäfts, während die Urlauber eine oft günstigere Alternative zu Hotels in attraktiven Wohnlagen erhalten. So ist das Angebot der Plattformen für beide Seiten attraktiv. Ein weiterer Grund für die zunehmende Anzahl an Plattformen liegt aber auch in technischen Vorteilen: Wenn Sicherheitsupdates zentral in eine Plattform eingespielt werden können, muss nicht mehr jeder Anwender dies auf seinen Geräten „vor Ort“ machen.

Das Geschäftsmodell von Plattformen ist darauf ausgerichtet, allen Seiten Mehrwerte zu bieten. Die Profitorientierung der meisten Plattformbetreiber hat aber dazu geführt, dass gerade sie selbst hohe Einnahmen erzielen. So sind Apple, Google, Microsoft und Amazon die nach Marktwert vier größten Unternehmen der Welt. Weder technische noch organisatorische Hürden sprechen allerdings dagegen, digitale Plattformen ohne Profitorientierung erfolgreich zu betreiben. Dafür spricht auch, dass es auch auf bisherigen Märkten immer wieder nicht profitorientierte Teilnehmer gab, wie zum Beispiel Genossenschaften. Auch die Tatsache, dass insbesondere die Plattformbetreiber durch diese Konstellation zu reichen Unternehmen wurden, ist ein mindestens seit dem Mittelalter bekanntes Phänomen: So gelangte beispielsweise die Stadt Köln als „mittelalterlicher Handelsplattformbetreiber“ zu großem Reichtum, weil sie wegen ihrer Lage am Rhein durchziehende Kaufleute zwingen konnte, zu ankern und ihre Waren zunächst einige Tage vor Ort zu verkaufen, wobei sie für die Stadt vorteilhaften Restriktionen unterworfen wurden. Auch Nürnberg kam als „städtische Plattform“ zu Reichtum. Denn Plattformen sitzen als Mittler zwischen Angebot und Nachfrage an einer entscheidenden Stelle – in welchem Jahrhundert auch immer – und besitzen dadurch große Marktmacht, die sie für die eigene Wohlfahrt, aber auch im Sinne des Wohles aller Marktteilnehmer nutzen können.

Für die Behörden etwa zeichnet sich die digitale Plattform als erfolgreiches, aber eben nicht profitorientiertes Lösungskonzept für eine zukunftsfähige, nutzerfreundliche Verwaltung ab. Über einen Portalverbund der Bürgerportale sollen in Deutschland bis 2022, so das zuständige Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat, „möglichst viele Verwaltungsleistungen von Bund, Ländern und Kommunen nicht nur online angeboten werden, Bürgerinnen, Bürger und Unternehmen sollen sie künftig direkt, einfach und sicher mit drei Klicks erreichen können. Die lange Suche im Netz nach der richtigen Stelle soll entfallen. Über jedes Verwaltungsportal – egal ob auf kommunaler, Landes-, oder Bundes-Ebene – soll es vollständigen Zugang zu allen online angebotenen Verwaltungsleistungen geben.“

Die Politik braucht Antworten

Die Entwicklung hin zur Plattformökonomie stellt also nicht nur die Plattformteilnehmer und -betreiber vor Herausforderungen. Auch die Politik beschäftig sich nun mit neuen Fragestellungen, auf die es noch keine Antworten gibt: Kann das aktuelle Wettbewerbsrecht auch digitale Plattformen regulieren und etwa Monopolisierung verhindern? Haben Anbieter ähnlicher Produkte und Dienstleistungen auch in der digitalen Welt ähnliche Marktbedingungen wie in der „analogen“? Wie können und sollen Daten genutzt werden, und kann es ein „Dateneigentum“ geben? Welche Transparenz- und Informationspflichten sollen Plattformen gelten? Die Lösungen für diese Fragen dürften in den nächsten Jahren intensiv debattiert werden, und mancher Ansatz wird sich wohl als Irrweg herausstellen.

Aber auch das ist schon bekannt: Immer dort, wo neue Marktformen auftraten, gab es die Notwendigkeit, Entwicklungen durch einen effektiven regulatorischen Rahmen einzuhegen oder zu fördern. Der Weg zu diesen Lösungen war nicht immer gerade. Ein genossenschaftlicher Plattformansatz könnte diesen aber vielleicht begradigen, denn er könnte Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zukunftsfeste Antworten auf die obigen Fragen geben.

 

Noch mehr rund um Plattformökonomie und die geplante Satzungsänderung der DATEV lesen Sie im aktuellen DATEV magazin, sowie online unter www.datev-magazin.de.

Über den Autor

Jens Bizan

Jens Bizan hat Volkswirtschaft und Politik studiert und war danach in einer Berliner Politik-Agentur tätig, in der er Kunden unterschiedlicher politischer Ambitionen betreute. Im Informationsbüro Berlin kümmert er sich um die verschiedenen Aspekte des Themenfeldes Mittelstandspolitik. Dabei fördert er die Ziele, weiterhin Vertrauensverhältnisse zu Ansprechpartnern in der Politik herzustellen bzw. auszubauen, DATEV-Kompetenz und -Dienste zu platzieren und aus dem politisch-volkswirtschaftlichen Bedarfen heraus Impulse für neue DATEV-Dienste aufzunehmen.