Die neue Vielfalt der Web-Adressen

von am Freitag, 14 September 2012
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Ein Kürzel macht zurzeit im Web die Runde – es lautet nTLD und steht für neue Top Level Domains. Das könnte theoretisch auch für Kanzleien und kleine und mittelständische Unternehmen interessant sein … leider nur theoretisch!

Die neue Vielfalt der Web-AdressenWorum genau geht es? Top Level Domains (TLDs) kennen Sie alle: Das sind die obersten Ordnungskategorien für Internetseiten bzw. die für die Nutzer sichtbaren Endungen einer Internetadresse. Es gibt grob gesagt länderspezifische TLDs (zum Beispiel .de für Deutschland oder .at für Österreich) und generische TLDs (zum Beispiel .com für “commercial” oder .org für “organization”). So kommen die uns allen bekannten Internetadressen wie www.bundeskanzlerin.de, www.wien.at, www.microsoft.com oder www.wikipedia.org zustande.

Vor einigen Jahren ist nun die ICANN (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers), die für die Verwaltung der Top Level Domains zuständig ist,  auf die Idee gekommen, neue generische TLDs einzuführen. Jedes Unternehmen und jede Institution soll eigene TLDs beantragen können. Künftig könnte unsere Hauptstadt dann z. B. unter der TLD www.irgendendwas.berlin erreichbar sein oder ein großes bayerisches Unternehmen unter der TLD www.irgendwas.bmw.

Eine nTLD für Steuerberater? Warum nicht?

Inzwischen ist bekannt, welche neuen Top Level Domains beantragt wurden und besonders begehrt sind, sprich: für welche TLDs es die meisten Interessenten und Bieter gibt: Es sind Endungen wie .app, .home, .blog, .shop, .hotel, .news und .web. Am intensivsten bemühen sich übrigens die Internet-Konzerne Google und Amazon um neue Top Level Domains, darunter Kürzel wie .cloud, .mail, .movie und .search.

Keine Frage, die Idee ist charmant für viele Nutzergruppen. Warum sollte ein Unternehmen wie DATEV nicht künftig Dienstleistungen unter einer Adresse wie www.software.datev vermarkten? Und wäre es nicht schön, wenn Sie künftig neue Mandanten mit Ihrer Webseite www.kanzlei-mustermann.stb erreichen würden? Das wirkt modern, individuell und pointiert. Doch leider hat die Sache ein paar Haken …

Problem 1: Die Kosten

Eine Domain mit der Endung .de, .com oder .net zu registrieren, ist heute eine Sache von wenigen Minuten, die Kosten dafür sind kaum der Rede wert. Bei den neuen Top Level Domains sieht das ganz anders aus. Allein die Bewerbung (ohne Erfolgsgarantie!) kostet rund 150.000 Euro. Im Erfolgsfall kann man gut und gerne von 500.000 Euro Einmalkosten und 150.000 Euro laufenden Kosten pro Jahr ausgehen, da der Betrieb einer Top Level Domain sehr aufwändig ist.

Daran zeigt sich schon, dass die ICANN beim Thema neue TLDs nicht an „normale“ Unternehmen oder gar Kanzleien gedacht hat, sondern an professionelle Anbieter, Großkonzerne – und vor allem an sich selbst. Allein durch die Bewerbungen hat die ICANN 352 Millionen Dollar eingenommen. Nochmal zum Verinnerlichen: 352 Millionen Dollar! Und die Bewerber, die das bezahlt haben, haben wie gesagt keine Garantie, dass ihre Bewerbungen angenommen werden. Da fehlen mir schon ein wenig die Worte und ich weiß nicht, ob ich angesichts solcher Geschäftstüchtigkeit eher beeindruckt oder sprachlos sein soll.

Problem 2: Verwirrte Nutzer

Es gibt sie ja heute schon, die sprechenden generischen Top Level Domains – nur nutzt sie kein Mensch. Die mit Abstand am häufigsten genutzten TLDs sind .com, .de und .net. Dagegen werden heute schon existierende TLDs wie .aero, .coop oder .museum wenig bis gar nicht genutzt, die meisten Nutzer kennen Sie vermutlich gar nicht. Meine Vermutung: Wir alle sind als Nutzer bequem und einfach gestrickt, die Welt ist schon kompliziert genug. Daher vermuten wir (zu Recht), dass wir eine Firma wie DATEV ganz einfach unter der Adresse www.datev.de erreichen werden. Wir wollen keine kreativen Anstrengungen unternehmen und mühsam ausprobieren, ob wir DATEV vielleicht auch unter www.datev.net oder irgendeiner anderen Domain erreichen.

Das gleiche gilt für gelernte und etablierte Kanzlei-Domains. Sollen Ihre Mandanten  wirklich rätseln, ob sie Sie unter kanzlei-mustermann.de, kanzlei-mustermann.web oder kanzlei-mustermann.stb erreichen? Lieber nicht. „Keep it simple“ ist eines der  Erfolgsprinzipien im Web (und nicht nur dort), und das sollte auch für Webadressen gelten.

Problem 3: Wenig Mehrwert

Das scheint mir das wichtigste Argument zu sein: Grob gesagt gibt es ja heute schon zwei Sorten von Internet-Nutzern: eine kleine Gruppe, die weiß, was eine Internet-Adresse ist, und diese auch gelegentlich im Browser eintippt. Und eine zweite, deutlich größere Gruppe, der Internet-Adressen völlig gleichgültig sind und die auf anderen Wegen zur Webseite etwa Ihrer Kanzlei gelangt. Vor allem natürlich über Google.

Man vertraut sich und sein Anliegen der Suchmaschine an, die erledigt dann den Rest und findet die Seite des gesuchten Unternehmens oder der gesuchten Kanzlei, gleichgültig unter welcher TLD sie gelistet ist. Mit anderen Worten und etwas zugespitzt gesagt: Neue Top Level Domains sind großartig – in einer Welt, in der es keine Suchmaschinen gibt.

Bild: S. Hofschlaeger / pixelio.de

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Über den Autor

Christian Buggisch

ist Leiter Corporate Publishing bei DATEV. Nach dem Studium der Germanistik, Geschichte und Kunstgeschichte in Erlangen und Rom war er zunächst als Lektor in einem Stuttgarter Verlag tätig, bevor er das Medium wechselte und als Online-Redakteur bei DATEV in Nürnberg arbeitete. Seit 2007 zeichnet er für die Internet-Aktivitäten von DATEV verantwortlich, seit 2012 darüber hinaus für das gesamte Corporate Publishing von DATEV.